Unmöglich, bei diesem Stichwort nicht abermals Immanuel Kant zu zitieren, der mit seinen beiden Kritiken der reinen und der praktischen Vernunft denkerisch Epoche machte: "Alle unsere Erkenntnis hebt von den Sinnen an, geht von da an zum Verstande und endigt bei der Vernunft, über welche nicht höheres bei uns angetroffen wird, den Stoff der Anschauung zu bearbeiten und unter die höchste Einheit des Denkens zu bringen."

Die Vernunft, und nur diese, macht also den Menschen geistig fähig, alle Dinge und Geschehnisse in ihrem ganzheitlichen Zusammenhang zu begreifen. Nur wer in diesem Sinne vernünftig ist, kann ein Liberaler sein. Denn wenn es eine liberale Utopie gibt, so die einer vernunftgemäßen ganzheitlichen Weltordnung, die nicht auf bloße Gefühle und Empfindungen gegründet ist, sondern auf Erkenntnis durch den Verstand und entsprechendes, mithin rationales Handeln.

Oft ist dagegen eingewandt worden, hier werde die Natur des Menschen verkannt, der mindestens so sehr durch Gefühl als durch Verstand gesteuert werde. Solche Kritik verwechselt das Sollen mit dem sein. Der Mensch besteht in der Tat nicht nur aus Verstand oder gar Vernunft. Aber, um nochmals auf Kant zurück zu kommen, er soll nach dem Sittengesetz leben, das mit der praktischen Vernunft und durch sie mit der Willensfreiheit untrennbar verbunden ist. Daher der berühmte kategorische Imperativ: "Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung dienen könnte." Eben dieser Anspruch an sich selbst unterscheidet den Liberalen vom Egoisten.

Barthold C. Witte