Inhaltlich steht der Begriff im Grunde genommen für das Illiberale par excellence. Entstanden ist er im frühen 20. Jahrhundert, um den Charakter der neuen, auf Ideologie und scheinbarer Massenlegitimation beruhenden Formen von Diktaturen in Abgrenzung von klassisch-autoritären, aber auch liberal-demokratischen Modellen politischer Willensbildung zu erfassen.

Mit „totalitär“ wurde die vollständige, eben totale Unterwerfung des Bürgers unter staatliche Aufsicht umschrieben, die all die von Liberalen und im liberalen Geist errungenen Garantien persönlicher Freiheit (Rechtsstaat, Verfassung, Grundrechte, Freizügigkeit, Verfügung über Eigentum etc.) außer Kraft setzte. Seine extremsten Ausprägungen fand der Totalitarismus in der nationalsozialistischen und stalinistischen Herrschaft, was zugleich zeigt, dass Ideologie im Detail für totalitäre Herrschaft eine untergeordnete Rolle spielt und viele Herrschaftsformen totalitäre Züge entwickeln können. Beim Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums schien es, als ob die Epoche des Totalitarismus überwunden wäre. Dies verhinderte aber nicht, dass auch nach 1990 Inseln totalitärer Herrschaft (Nordkorea) fortlebten oder sogar neu errichtet wurden (Taliban- Regime).

Bedrohlicher aus liberaler Sicht ist aber, dass auch auf liberalen Fundamenten beruhende Staatsformen beginnen, ansatzweise totalitäre Züge zu entwickeln. Dabei ist das Phänomen zu erkennen, dass die mittels moderner Kommunikationsinstrumente gegebenen Möglichkeiten zum „Überwachungsstaat“ inzwischen weniger auf eine politische Kontrolle als vielmehr auf die fiskalische Überwachung (Toll Collect, Maßnahmen gegen die „Schwarzarbeit“, Ablösung des Bankgeheimnisses) zu zielen scheinen. Allerdings wird der Perspektivwechsel vom Wirtschaftlichen zum Politischen nach Etablierung totaler Kontrollmöglichkeiten leicht zu bewerkstelligen sein, weshalb Liberale allen Ansätzen in dieser Richtung sehr distanziert gegenüber stehen.

Jürgen Frölich