Auch wenn der Begriff ursprünglich aus einer päpstlichen Enzyklika stammt, ist das Subsidiaritätsprinzip in der Sache Liberalismus pur. Es besagt nämlich nichts anderes, als dass Entscheidungskompetenz und Verantwortung stets so nahe bei den Bürgern bleiben sollen wie irgend möglich. Das hat schon beeindruckende Folgen, wenn man es - wie konventionell üblich - nur auf die verschiedenen Entscheidungsebenen innerhalb der Staatsorganisation anwendet. Wendet man es aber - wie es seinem Sinne entspricht - auf alle Kompetenz- und Verantwortungszuweisungen an, sind die Auswirkungen hochbrisant und radikal liberal.

Im Verhältnis "Einzelner zu allen überindividuellen Entscheidungsinstanzen" folgen daraus die absolute Vorrangigkeit des Individuums - und die Erkenntnis, dass "Delegation" von Machtbefugnissen immer von "unten" nach "oben" und nie umgekehrt erfolgt.

Im Verhältnis "Gesellschaft zu allen staatlichen Instanzen" folgt daraus die sich weitestgehend selbst organisierende Bürgergesellschaft und ein gertenschlanker Staat, der nur das Allernötigste mit seiner Zwangsgewalt regelt. Das Subsidiaritätsprinzip ist nicht anderes als der erste Schritt praktischer Verwirklichung des liberalen Oberziels "größtmögliche Freiheit für alle".

Gerhart Raichle