Der Liberalismus muss sich notwendigerweise mit dem Staat schwer tun. Eigentlich ist seine bloße Existenz mit den liberalen Prinzipien unvereinbar. Wer das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen - also seine Freiheit, über sich und sein Eigentum friedlich zu verfügen - in den Mittelpunkt seiner politischen Philosophie stellt, muss in einem durch fremd verwaltete Zwangsabgaben finanzierten territorialen Monopolisten der Gewaltausübung die Unmoral selbst am Werk sehen. Die rund 170 Millionen Opfer staatlichen Genozids im letzten Jahrhundert (bei denen die "normalen" Kriegsopfer nicht einmal mit ein berechnet sind) geben all denjenigen recht, die meinen, dass ein solches Gewaltmonopol immer zum Missbrauch der schlimmsten Art verleitet.

Insgeheim träumt wohl fast jeder gute Liberale von der friedlichen Anarchie, die ohne den Staat auskäme. Davon hält ihn letztlich sein Sinn für Realismus ab. Wie lässt sich ein staatsfreies Zusammenleben stabilisieren - etwa gegen aggressive Staaten oder der Wiederverstaatlichung durch gewalttätige Räuberbanden? Der Staat ist für den Liberalen ein "notwendiges Übel" (Karl Popper). Er kann weder bei ihm, noch ohne ihn leben. Es bleibt nur der Weg, ihn mit allen Mitteln zu bändigen, das heißt, ihn wenigsten zum liberal verfassten und in seiner Machtsphäre eingeschränkten Minimalstaat zu verwandeln. Diesem bescheidenen Ziel ist man mancherorts schon recht nahe gekommen. Solange sie noch nichts Besseres gefunden haben, bleibt für die Liberalen wenigstens ein Trost. Die Beschränkung des Staates ist angesichts seiner natürlichen Expansionsgelüste eine nicht endende Daueraufgabe. Dies liefert den Liberalen immerhin die permanente Rechtfertigung ihrer Existenz.

(aus: "liberal"; Vierteljahreshefte für Politik und Kultur)