Ende des 19. Jahrhunderts erwuchsen dem Liberalismus neue starke Gegner. Dies waren der Sozialismus und der Kapitalismus, der gelernt hatte, das von den Liberalen geschaffene demokratische Instrumentarium zu nutzen. Beide versuchten mit großzügigen "Geschenken" den Menschen die Freiheit "abzukaufen". Dass die Liberalen erstmals Massenwohlstand ermöglicht hatten, wurde schnell vergessen.

Man unterstellte ihnen nun unsoziale Gesinnung; der Wunsch nach Paternalismus wuchs. Die liberale Wählerbasis schrumpfte, was einige Liberale veranlasste, die Methoden der Gegner zu übernehmen, um auch sozialpolitischem Etatismus zu frönen. In der Folge verwischten sich oft die Grenzen zwischen diesem "Sozialliberalismus" und der Sozialdemokratie.

In den 1970-er Jahren wurde sogar die sozialliberale Koalition zum "historischen Bündnis" stilisiert. Aber es gab auch seriöse Varianten des Sozialliberalismus. Schließlich ist es eine große politische Aufgabe, die Freiheit so zu gestalten, dass sie soziale Wirkung für alle Menschen entfaltet. Liberale wie der amerikanische Landreformer Henry George (Progress and Powerty, 1879) versuchten, den Missbrauch wirtschaftlicher Macht einzudämmen und die Teilhabe aller Menschen an den Segnungen des Marktes zu erreichen.

Die Väter der Sozialen Markwirtschaft in Deutschland (Wilhelm Röpke und andere) vervollkommneten diese Idee und schufen so das Wirtschaftswunder. Richtig verstandener Liberalismus ist sozial.

Detmar Doering