Solidarität heißt wechselseitiges Füreinander- Einstehen. Das führt sofort zu den entscheidenden Fragen: für wen soll die Pflicht zum Füreinander- Einstehen gelten, und für welche Fälle? Das eine definiert die Solidargemeinschaft, das andere die Bedrohung bzw. das Risiko, worauf sie sich bezieht. Solange nicht beide klar angegeben sind und sachlich zueinander passen, ist der Ruf nach Solidarität fast immer eine demagogische Parole, der man nicht genug misstrauen kann - schon gar, wenn solche "Solidarität" von Staats wegen zwangsverordnet wird, und erst recht, wenn das auch noch mit moralischem Anspruch daherkommt.

Entweder ist Solidarität eine moralische Kategorie: dann kann sie nur aus freier Entscheidung kommen, oder sie ist zwangsverfügt (was durchaus nötig sein kann): dann entbehrt sie jeder moralischen Qualität. Für Liberale bezieht sich der natürlichste Anwendungsfall für Solidarverhalten auf Bedrohungen der individuellen Freiheit: dagegen kann die Solidarität nicht stark genug und die Solidargemeinschaft nie groß genug sein.

Gerhart Raichle