Zunächst ein erstaunlicher Befund: Die großen liberalen Lexika des 19. Jahrhunderts thematisierten den Begriff kaum, was im Gegensatz zu der Rolle steht, die liberale Bürgermeister und Stadtväter in Deutschland vor 1918 spielten. Aber die politisch- ideologische Orientierung der liberalen Ahnen war seit 1848 vor allem national, und die kommunale Führungsrolle des liberalen Bürgertums wurde quasi als naturgegeben angesehen. Erst als es damit vorbei war, besann man sich offensichtlich wieder darauf, welche Bedeutung die Selbstverwaltung der Kommunen sowie von gesellschaftlichen Organisationen und Institutionen für die Freiheitsrechte der Untertanen/Staatsbürger im alten Reich, aber auch in Preußen seit der Steinschen Städteordnung von 1808 - dem eigentlichen Grundstein der modernen Selbstverwaltung - gehabt hatte. Theodor Heuss sieht 1926 in dieser ein wichtiges Instrument zur "Erweckung des Gemeinsinnes" und zur Ausbildung demokratischer Eliten. Die Wiesbadener Grundsätze der FDP von 1997 machen schließlich die "freiwillige Selbstorganisation der Bürger" zur Grundlage jeder liberalen Gesellschaft. Konsequent tritt man dort in Abkehr von "klassischen" Positionen des deutschen Liberalismus vehement für die verstärkte "Kommunalisierung der Politik" ein, womit das liberale Bürgertum zu seinen Ursprüngen in der städtischen und gemeindlichen Selbstverwaltung zurückkehrt.

Jürgen Frölich