Das Streben nach individueller Freiheit und das nach nationaler Selbstbestimmung ist in vielen Ländern im 19. Jahrhundert politisch- organisatorisch eine enge Bindung eingegangen. Da in Deutschland die antiliberalen Kräfte zugleich auch antinational waren, wurden Liberalismus und nationale Bewegung hier zu Synonymen. Die deutschen Liberalen waren in ihrer großen Mehrheit Patrioten und Befürworter der deutschen Einheit. Der Begriff „nationalliberal“ prägte sich jedoch erst aus, als Bismarcks Politik nachwies, dass liberal und national eben nicht immer deckungsgleich sein mussten.

Diejenigen, die den von Bismarck maßgeblich geschaffenen Nationalstaat begrüßten, ihn zugleich aber liberal umformen wollten, organisierten sich 1867 in der Nationalliberalen Partei und stellten zwei Jahrzehnte lang die stärkste politische Kraft. Mit ihr erreichte der organisierte Liberalismus nach dem Urteil mancher Historiker seinen größten politischen Einfluss in Deutschland. Zugleich litt die Partei aber unter einem permanenten inneren Konflikt darüber, wem im Zweifel das Primat zukommt: der Nation oder der Freiheit? Als Folge wurde der Nationalliberalismus immer wieder von internen Kämpfen und Abspaltungen heimgesucht; das Schicksal von Stresemanns „Deutscher Volkspartei“ ist dadurch gekennzeichnet. Mit ihrem Ende 1933 war auch die parteibildende Kraft des Nationalliberalismus aufgezehrt, sein Erbe hat aber in der FDP auf die eine oder andere Weise eine nicht unwichtige Rolle gespielt.

Jürgen Frölich