Eine der beliebtesten Kritiken am Liberalismus behauptet, dieser glaube nur an Wettbewerb und das Überleben der Stärksten, habe also keine moralische Grundlage, ja vernichte ethisch- moralische Grundsätze. Träfe dies zu, so wäre ein verheerendes Urteil gesprochen. Denn die Geschichte lehrt, dass jede Gesellschaft ethisch begründete Normen braucht, welche das Zusammenleben regeln, mithin eine Moral.

Indessen ist dieses Urteil falsch. Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde, Toleranz als liberale Leitbegriffe sind sittlich-ethisch begründet, nämlich im unbedingten Respekt vor der personalen Würde menschlicher Existenz. Ob diese Begründung innerweltlich oder metaphysisch verankert wird, ist Sache jedes Einzelnen. Fest steht jedenfalls, dass der Liberalismus nicht nur Bürgerrechts- und Verfassungsbewegung, sondern ebenso als Wirtschaftslehre und -praxis auf moralischen Grundlagen steht, zum Beispiel auf dem Prinzip der Vertragstreue.

Barthold C. Witte