"Manchestertum" ist die heute meist als negativer Kampfbegriff verwendete Bezeichnung für den freihändlerischen Liberalismus. Er geht auf den britischen Konservativen Benjamin Disraeli zurück, der damit die von Richard Cobden und John Bright 1840 in Manchester ins Leben gerufene "Anti Corn Law-League" zu schmähen versuchte. Diese richtete sich gegen die englischen Getreidezölle, die (im Interesse der Großgrundbesitzer) die Lebenshaltungskosten der Arbeiter in die Höhe trieben.

Mit der Abschaffung der Getreidezölle im Jahre 1846 wurde ein Fanal für die Freihandelsbewegung in ganz Europa geschaffen. Überall feierten die Verfechter des Freihandels Triumphe. So in Frankreich, wo Frédéric Bastiat zu den führenden Verfechtern gehörte. Auch in Deutschland, wo sich manchesterliberale Intellektuelle unter anderem im "Kongress deutscher Volkswirthe" zusammenfanden, wirkten "Manchesterliberale" auf breiter Basis. Große Liberale wie Herrmann Schulze-Delitsch, Eugen Richter oder Ludwig Bamberger repräsentierten in Deutschland das "Manchestertum".

Dank konservativer und sozialistischer Propaganda steht der Begriff "Manchestertum" heute für die meisten Menschen als Synonym für einen besonders kaltherzigen Marktliberalismus. Dies ist ungerecht, da das Kernanliegen der Manchesterliberalen die Linderung der Not der Arbeiter war. Sie unterstützten das Genossenschaftswesen und die allgemeine Volksbildung. Darüber hinaus engagierten sie sich gegen Antisemitismus, Militarismus, Kolonialismus und Imperialismus. Wie viel wäre uns erspart geblieben, hätte man damals auf sie gehört! Allem schlechten Nachruhm zum Trotze repräsentiert das Manchestertum einen der edelmütigsten Traditionsstränge des Liberalismus.

Detmar Doering