Historisch- soziologisch gesehen ist mit Kapitalismus zunächst nur die Wirtschafts- und Sozialordnung gemeint, die sich im Zuge der industriellen Revolution im 18. und vor allem im 19. Jahrhundert herausgebildet hat. Der Unternehmer, der Kapitalist, der über die Produktionsmittel verfügt und Gewinn anstrebt, gehört ebenso in diese Ordnung wie der abhängig Beschäftigte, der auf Lohn oder Gehalt angewiesen ist.

Spätestens seit Karl Marx wird die Bezeichnung aggressiv- polemisch verwendet. Der Kapitalismus erscheint als inhumanes System, das zwangsläufig verschwinden und vom Sozialismus abgelöst werden muss. Auch nach dem Untergang der Sowjetunion und der kommunistischen Wirtschaft ist diese negative Akzentsetzung erhalten geblieben. Die Polemik etwa der PDS/Die Linken oder generell die Neigung im linken politischen Spektrum, selbst kleine Korrekturen am Wohlfahrtsstaat als "Kapitalismus pur" zu bezeichnen, belegen es. Wer einen Beitrag zur Sachlichkeit leisten will, sollte die heutige Wirtschaftsordnung nicht als kapitalistisch, sondern als marktwirtschaftlich bezeichnen.

Heinz Murmann