Hinter dem Begriff verbirgt sich ein uralter Streit: Wem kommt der Vorrang zu, dem Einzelnen oder der Gemeinschaft, der Gattung, dem Kollektiv? Häufig ist diese Kontroverse zumeist im Sinne des Aristotelischen "Zoon politikon" - der Mensch als Gemeinschaftswesen - entschieden worden, obwohl es schon in der Antike Bestrebungen gab, das Individuum höher als die Gemeinschaft zu setzen, man denke nur an Caesar. Mit Beginn der Neuzeit und den folgenden Umwälzungen zunächst im theologischen und später philosophischen Denken haben sich die Gewichte etwas verschoben, ohne dass die Kontroverse jemals zum Abschluss gekommen wäre.

Von seinen Grundlagen her betrachtet hat der Liberalismus dabei immer eindeutig Partei bezogen: Für ihn war und ist das Individuum der Ausgangspunkt aller Politik und eben nicht der Stand, der Staat, die Klasse, die Rasse oder die Gattung. Dahinter stand und steht die Überzeugung, dass die ungehinderte Entwicklung des Individuums der Gesamtheit der Menschen am ehesten und meisten nutzt, weil der Einzelne am besten über seine Stärken und Schwächen, und darüber, wie er sie am sinnvollsten und effektivsten einsetzen kann, Bescheid weiß.

Während dies auf rechtspolitischem Gebiet inzwischen in der westlichen Welt zumindest Konsens zu sein scheint, siehe Grundrechte et cetera, gilt dies auch heute häufig in wirtschaftlicher und sozialpolitischer Hinsicht nicht; vielmehr scheinen hier Individualität und Individualismus geradezu das Feindbild von politisch Verantwortlichen jeglicher Couleur zu sein. Der Streit um den Stellenwert des Individualismus geht also auch nach 2500 Jahren unvermindert weiter.

Jürgen Frölich