"Suum cuiqe"- Jeder solle bekommen was ihm zustehe. Das meinten schon die alten Lateiner, wenn sie über Gerechtigkeit redeten. Diese Erkenntnis ist so richtig wie nutzlos. Was ist es denn genau, was jedem zusteht? Nicht wenige glauben, dass irgendwie jeder einem ihm persönlich oder ihm als Kollektivmitglied zukommenden Anteil an den materiellen Gütern dieser Welt habe. Der Umfang des Unheils, das damit angerichtet wird, ist kaum zu überschätzen. Soll der Faule den gleichen Anteil bekommen wie der Fleißige? Oder nicht? Um wie viel größer oder kleiner soll sein Anspruch sein? Kein menschliches Wesen hat bisher diese Fragen je präzise beantworten können.

Was blieb, war entweder die Hoffnung auf eine jenseitige göttliche Gerechtigkeit oder - hier auf Erden - der Fluch willkürlich gewählter Ansprüche, denen nur all zu oft mit Macht Nachdruck verliehen wurde. Alle Vorstellungen von "sozialer" Verteilungsgerechtigkeit führen zu einer Verstärkung des Bevorzugungskoeffizienten in einer Gesellschaft. Nein, Gerechtigkeit als universeller Maßstab dessen, was jedem gebührt, macht nur Sinn, wenn nicht der Anteil an Eigentum gemeint ist, sondern das formelle Recht auf Schutz dessen, was als das "Eigene" erworben wurde. Das, was dem Menschen gebührt, ist das, was er ohne Angriff auf andere friedlich erworben hat. Jeder Mensch hat das gleiche unveräußerliche Recht, sich selbst und sein Eigentum geschützt zu sehen. Dies ist die liberale Vorstellung von Gerechtigkeit. Ihr Anspruch ist human bescheiden, sie überfordert nicht das menschliche Wesen und sie ist die einzige, die den Menschen vor der Gewalt des Menschen schützt und seine Freiheit wahrt.

(aus: "liberal"; Vierteljahreshefte für Politik und Kultur)