Das Wort scheint vordergründig überholt und dem 19. Jahrhundert anzugehören. So definiert der neueste Große Duden freisinnig als "von freiheitlicher Gesinnung zeugend" und fügt vorsorglich die Warnung "veraltet" an. Ganz anders natürlich das Grimmsche Wörterbuch von 1879 (Bd. IV, 1), wo der Begriff auf Goethe zurückgeführt wird. Das entsprechende Zitat - "ein besonderer Freisinn in Religionssachen" - weist dann auf einen wichtigen Aspekt von Freisinn hin: er steht ursprünglich für eine ganz bestimmte, undogmatische Denkungsart, die die persönliche Haltung von Liberalgesinnten ausdrückte.

Erst im späten 19. Jahrhundert wird daraus ein politischer Begriff, bezeichnenderweise als ein übergreifender Terminus, unter dem sich sowohl Liberaldemokraten als auch Teile der Nationalliberalen, die sich gegen Bismarcks antiliberale Welt von 1878/79 stellen, wiederfinden können. So entsteht die Deutsch- Freisinnige Partei, der E. Richter, R. Virchow, Th. Mommsen und L. Bamberger angehören. Der dort gepflegte freidenkerische Aspekt heißt aber nicht areligiös oder gar atheistisch, denn auch der Pfarrer Friedrich Naumann schließt sich 1903 einer freisinnigen Partei an.

Die etwas gleichzeitig gegründete Freisinnig - Demokratische Partei in der Schweiz existiert noch heute und stellt im Nachbarland einen der wichtigsten politischen Faktoren dar. Dies deutet wiederum darauf hin, dass der Begriff wohl keineswegs völlig unmodern ist. So hat ja auch die F.D.P. 1948 mit ihrem Namen an den Begriff angeknüpft. Und wenn zudem laut Grimmsches Wörterbuch freisinnig bei Goethe auch mit "heiterer Offenherzigkeit" gleichgesetzt wird, dann ist zu fragen, ob es eine bessere und umfassendere Beschreibung für die mentale Einstellung von echten Liberalen in der Gegenwart gibt als "freisinnig"?

Jürgen Frölich