Aus den Kreisen der „Sozialistischen Avantgarde“ Italiens und den Kunstintellektuellen des „Futurismus“ entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine neue politische Strömung. Sie wollte den revolutionären Drang des marxistischen Sozialismus erhalten, sah aber zugleich, dass die Grundlagen des Marxismus (die nicht eintretende Verelendung des Proletariats im Kapitalismus) historisch erschüttert waren und einer realpolitischen Revision bedurften.

So wurde der klassenkämpferische Sozialismus in einen sozialreformerischen Korporativismus überführt, der die Volksgemeinschaft betonte. Eine autoritäre Staatsordnung sollte das Ganze zusammenhalten, wobei der revolutionäre Drang in eine nationalistische Richtung und einen latent anti-kapitalistischen Ekel vor liberaler „Bürgerlichkeit“ verlagert wurde. Mit dieser „Faschismus“ genannten Ideologie, die sich der Kategorisierung in „links“ und „rechts“ entzieht, gelangte der Ex-Sozialist Mussolini 1922 in Italien als Diktator an die Macht. Er fand bald Imitatoren, wie etwa Peron in Argentinien.

Eher unzutreffend wird auch der deutsche Nationalismus Hitlers als „Faschismus“ bezeichnet. Zwar übernahm dieser den Autoritarismus und den Korporativismus der Faschisten, aber die eigentliche Basis lag in einer abstrusen Rassenlehre, die zu grausamen Völkermord führte, und mit der der Faschismus an sich wenig zu tun hatte. Aus liberaler Sicht gilt: Der Faschismus war schon schlimm, der Nationalismus übertraf ihn aber noch bei weitem.

Detmar Doering