Was Liberale von Eliten halten, hängt ganz davon ab, was man darunter versteht. Für einen elitären Elite- Begriff, der eine nach nicht primär leistungsorientierten Kriterien (zum Beispiel Abstammung) ausgelesene Oberschicht moralisch wertend zu "den Besten" (hoi aristal) erklärt, haben sie nahe liegender Weise nicht viel übrig. Der rein empirische Elitenbegriff der Soziologie, der auf die tatsächlichen Inhaber von Führungspositionen, in den verschiedensten Bereichen der Gesellschaft abstellt ("Funktionseliten"), lässt für die Bewertung nicht viel Raum: Inhaber von Führungspositionen sind eben Inhaber von Führungspositionen, ja und?

Dass es solche Leute geben muss, lässt sich nicht ernsthaft bestreiten. Spannend und wertrelevant wird es erst, wenn man die Art und Weise der Rekrutierung solcher Eliten ins Auge fasst: Funktions- Eliten sollen zugleich Leistungs- Eliten sein, sollen aus einem durch Chancengleichheit geprägten Leistungswettbewerb hervorgegangen sein - darauf kommt es an. Und natürlich darauf, dass Eliten mit Herrschaftsbefugnissen (politische Eliten vor allem) durch Zustimmung der Beherrschten legitimiert sind. Dafür zu sorgen, dass diese Anforderung von allen Angehörigen der Funktionseliten im höchstmöglichen Maß erfüllt wird, ist Elitenförderung im besten liberalen Sinn.

Gerhart Raichle