Wie so vieles andere in der freiheitlichen Staats- und Gesellschaftslehre stammt auch dieser Begriff aus der Antike, wo er als die Fähigkeit, "sich selbst Gesetze zu geben", eine für das politische Denken der Griechen zentrale Kategorie umschrieb, die den Anspruch der Polis auf Unabhängigkeit zum Ausdruck brachte. Autonomie und politische Freiheit waren somit nach den Worten Paul A. Pfizers "gleichbedeutend". Ein Reflex davon findet sich bei Kant, der Autonomie nun individualistisch als "Charakteristikum der Freiheit des Menschen als Vernunftwesen" (Heinrich Oberreuter) deutete, was vor allem von der Psychologie und Pädagogik aufgenommen worden ist.

Politisch dagegen hat die Autonomie auch im liberalen Denken einen Bedeutungswandel vollzogen, indem sie nämlich nicht mehr für eine vollkommene Unabhängigkeit, sondern eher für ein Recht auf eine mehr oder minder weitgehende Selbstbestimmung in definierten Einzelbereichen steht, die aber der Kontrolle und den Vorgaben von Dritten - etwa in der Form von Grundrechten - unterstehen kann. Dies kann sich sowohl auf Gliedteile eines Staates, zum Beispiel die Länder und Gemeinden, als auch auf gesellschaftliche Gruppen wie Minderheiten und Institutionen wie Hochschulen oder Vereine richten. Die Autonomie ist dadurch weg von der Auffassung der Souveränität in die Nähe des Subsidiaritätsprinzips gerückt und nimmt somit eine Schlüsselrolle in dem aus liberaler Sicht immer wieder auszutarierenden Spannungsverhältnis von zentralistisch-demokratischer Willensbildung und individueller Selbstbestimmung ein.

Jürgen Frölich