Unter Liberalen hat der Anarchismus meist keinen guten Ruf. Das hat seinen Grund darin, dass manch ungute politische Tendenz diesen Begriff unter Beschlag genommen hat. Als Anarchisten bezeichnen sich oft politische Gewalttäter, die ihr Tun nicht durch institutionelle Kompromisse verwässern lassen wollen, sondern die „direkte Aktion“ lieben. Manchmal handelt es sich auch nur um vage „basisdemokratisch“ gesonnene Kollektivisten, die das Privateigentum abschaffen wollen.

Beide führen das für Liberale eigentlich attraktive am Anarchismus ad absurdum. „Anarchie“ (ein altgriechisches Wort) bedeutet „Herrschaftslosigkeit“. Wünschen Liberale nicht ebenfalls Freiheit statt Herrschaft? Gewalt und Eigentumsfeindlichkeit führen indes nie zu Herrschaftslosigkeit, sondern zum Gegenteil. Ohne Eigentum ist der Mensch der zuteilenden Macht ausgeliefert. Er wird beherrscht. Aber es hat auch einen wirklich liberal motivierten Anarchismus gegeben, mit dem recht große Geister sympathisierten, etwas Thomas Jefferson, Max Stirner, Benjamin Tucker oder Murray Rothbard.

Ihre anarchistischen Ideen setzten gerade die Gewaltlosigkeit und das Eigentum voraus – ganz wie Liberale es wünschen. Von dieser individual- anarchistischen Tradition, die vor allem in den USA Anhänger findet, trennt den Liberalen nur die Einsicht, dass völlige Staatslosigkeit bisher immer nur gesetzlose Gewalt produziert hat. Anarchismus scheint impraktikabel zu sein. Aber muss das immer so sein? Der Dialog darüber müsste geführt werden.

Detmar Doering